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Geschichte und Herkunft des WingTsun Systems

Während seiner Geschichte von mehreren tausend Jahren wurde das chinesische Volk immer wieder von angrenzenden Stämmen überfallen. Deshalb war die Kriegskunst für die Chinesen seit jeher von lebenswichtiger Bedeutung. Gleichzeitig mit dem kämpferischen Können wurde mit dem Training die Gesunderhaltung von Körper, Seele und Geist angestrebt.
Immer wieder entstanden im Laufe der Jahrhunderte neue Kampfkünste, von denen überliefert heute noch ca. 400 verschiedene Stile unter dem Sammelbegriff "Kung Fu" in der ganzen Welt unterrichtet werden.

Die Legende des WingTsun Stiles, entstanden vor ca. 250 Jahren:
"Die Ahnfrau des WingTsun-Systems, das verstorbene Fräulein Yim Wing Tsun wurde in der Kwang-tung-Provinz in China geboren. Als junges Mädchen war sie klug und aufgeweckt und für ihre "männlichen" Charaktereigenschaften bekannt.... Ihre Schönheit erregte die Aufmerksamkeit eines ortsbekannten Schläger, der sie mit Androhnung von Gewalt zwingen wollte, ihn zu heiraten.... Als die buddhistische Meisterin Ng Mui davon hörte, hatte sie Mitleid mit Wing Tsun und nahm sie als Schülerin auf.... Als sie die Techniken, die Ng Mui ihr beigebracht hate, meisterte, forderte Yim Wing Tsun den Schläger, der sie so sehr belästigt hatte, zum Kampf heraus und besiegte ihn."

Dies ist ein Auszug aus dem chinesischen Originaltext, verfasst vom Grossmeister Yip Man. Er lehrte diese Kampfkunst als erster öffentlich, nachdem sie vorher nur innerhalb von Familie und engen Gemeinschaften weitergegeben wurde, sowohl von Frauen als auch von Männern. Das System entwickelte sich über die Jahrhunderte, von Generation zu Generation.

Yip Man war der letzte unangefochtene Grossmeister. Seine Schüler, zu denen unter anderen Bruce Lee zählte, gründeten später ihre eigenen Schulen und Organisationen und entwickelten den Stil nach ihrem eigenen Gutdünken.

Einer der letzten und besten "Closed Door"-Students von Yip Man ist der aktuelle Grossmeister und Weltcheftrainer des WingTsun Systems, Prof. Dr. Leung Ting. Nebst der weltweiten Kampfkunst-Karriere ist er auch als Schauspieler und "Kung Fu-Action Director" beim Film bekannt geworden.

Anfang der 70er Jahre unterrichtete Leung Ting den heutigen Grossmeister und Europacheftrainer Prof. Dr. Keith R. Kernspecht. Dieser, international bekannt als DER Kenner orientalischer und okzidentaler Kampfkünste, brachte das WingTsun-System 1976 nach Europa, wo es heute weltweit die meiste Verbreitung gefunden hat. Kernspecht ist die heutige Unterrichtsmethode und Struktur, sowie umfangreiche Nachforschungen im Bereich "Geschichte der Kampfkünste" zu verdanken. Als erster "Professor der Kampfkunst" wurde er an der Universität Plovdiv, Bulgarien engagiert.

Schloss Langenzell – ein malerisches Anwesen in der Nähe von Heidelberg.

Am 1. Oktober 1979 wurde das Hauptquartier der EWTO in der Lenaustraße in Heidelberg offiziell eröffnet. Damals zog GM Kernspecht vom nördlichen Kiel in die südliche Neckarstadt, weil er alle Mitgliedsgruppen der EWTO in regelmäßigen Abständen besuchen wollte und die Gruppenleiter eine möglichst zentral gelegene Ausbildungsstätte vorfinden sollten. 1980 eröffnete GM Kernspecht die „Kampfkunstakademie Heidelberg“, an der anfangs zweimal wöchentlich trainiert wurde. 1982 sollte ein langjähriger Traum von Großmeister Leung Ting und seinem Meisterschüler K. R. Kernspecht in Erfüllung gehen: Die EWTO mietete einen Flügel im „Neuen Schloss Langenzell“, einem sehr romantischem kleinen Schloss, das versteckt im Wald ca. 20 km von Heidelberg liegt. Ganz in der Tradition asiatischer aber auch europäischer Kampfkünste kann man sich hier bis heute an einem Ort mit besonderer Ausstrahlung intensiv dem Studium des WingTsun und Escrima widmen.

GM Kernspecht unterrichtet seine Meisterschüler in den Doppelmesser-Techniken.

Während heute ein Interessent ganz offen und unkompliziert über die Bedingungen eines Studiums informiert wird und meist ohne Verzögerungen sogleich mit dem Training beginnen kann, musste er damals schon eine gehörige Portion Geduld, Beharrlichkeit und Begeisterung mitbringen. Der WingTsun-/Escrima-Interessierte musste sich erst einmal darum bemühen, die Akademie überhaupt zu finden, da auf Reklame fast gänzlich verzichtet wurde. Wer dann mit den Worten „Ich möchte mal zuschauen!“ Einlass in die Trainingshalle begehrte, wurde freundlich aber bestimmt belehrt, dass sich an einer traditionellen Kung-Fu-Schule nicht der Lehrer um neue Schüler, sondern der Interessent um die Aufnahme bewirbt. Erst nach einer Reihe von Gesprächen und Prüfungen konnte schließlich ein Sifu/Todai (=Lehrer/Schüler)-Verhältnis zustande kommen. Diese strenge Aufnahmeregelung war der Grund dafür, dass WingTsun und Escrima lange Zeit elitäre Kampfkünste blieben, die nur sehr wenigen Kampfkunstenthusiasten ein Begriff waren und von noch wenigeren, dann aber mit unbedingter Begeisterung trainiert wurden. So ist es zu erklären, dass es bis Ende der 80er Jahre wenig mehr als 150 EWTO-Schulen in Europa gab. Obwohl diese Anzahl von Schulen in keiner Weise mit dem flächendeckendem Netz von heute zu vergleichen ist, war die EWTO trotzdem schon damals der größte professionelle Kampfkunstverband Europas.

Langstocktraining auf der Schlossterrasse

Ende der 80er Jahre öffnete sich der Verband mehr und mehr der Öffentlichkeit. Die Zeiten des Durchsetzens und Beweisens gehörten mehr und mehr der Vergangenheit an. In Kampfkunstkreisen genießen WingTsun und Escrima den Ruf, zu den effektivsten und komplexesten Kampfkünsten überhaupt zu gehören. Mit einer neuen Strategie der Bekanntmachung und Verbreitung der EWTO gelang der Organisation zu Beginn der 90er Jahre der Durchbruch.

Unterrichtete GM Kernspecht anfangs noch selbst an der Trainerakademie „Schloss Langenzell“, so musste er den Unterricht mit zunehmender Größe der Organisation nach und nach an seine Assistenten abgeben. Heute trainieren die WT-Schüler unter der Anleitung eines hochqualifizierten Lehrerteams, dem Sifu Andreas Gross, 6. Grad, Sifu Thomas Schrön, 6. Grad, u.a. angehören.